Experteninterview:
Bewegte Zeiten

„Sitzen ist out!“, sagt Dr. Birgit Sperlich. Die Sportwissenschaftlerin wirbt für ein Umdenken: Wenn es gelingt, wieder mehr Bewegung in das Leben zu bringen, ist ein wichtiger Schritt in Richtung Gesundheit getan.

Audi BKK: Sitzen ist gefährlicher als Rauchen. Das klingt drastisch. Wie kommt es zu dieser Einschätzung?
Dr. Birgit Sperlich: Mehr Menschen tun es oftmals länger, als ihnen bewusst ist. Mit jeder Minute, die wir am Tag ohne Unterbrechung sitzend verbringen, steigt unser Krankheitsrisiko. Das haben Vergleiche zwischen Lebensstilen mit den niedrigsten und den höchsten Sitzzeiten gezeigt. Das erhöhte Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen beträgt bei „Dauersitzern“ 147 Prozent und 90 Prozent für die darauf zurückzuführenden Todesfälle, 112 Prozent für Typ-2-Diabetes und immerhin 49 Prozent für die Gesamtsterblichkeit.

Audi BKK: Warum lassen sich die Folgen des sitzenden Lebensstils nicht durch Sport in der Freizeit ausgleichen?
Dr. Birgit Sperlich: Der sitzende Lebensstil ist unabhängig vom Bewegungsmangel ein eigenständiger Risikofaktor. Die Folgen lassen sich durch Sport und Bewegung mildern, komplett ausgleichen kann man sie nicht. Körperliche Aktivität ist sehr wichtig für unsere Gesundheit. Nicht umsonst rät die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass wir uns mindestens 150 Minuten in der Woche und dann jeweils mindestens zehn Minuten am Stück moderat bis höher intensiv bewegen sollten. Das käme zügigem Spaziergehen oder Radfahren gleich. Die Frage ist: Was passiert in der übrigen Zeit, in der wir weder schlafen noch körperlich aktiv sind? Und da stecken nicht nur so genannte „Active Couch Potatoes“ in einem Dilemma: Das sind Menschen, die zwar regelmäßig Sport treiben, tagsüber aber beruflich viel Zeit im Sitzen verbringen. Auf diese Weise gefährden auch sie ihre Gesundheit. Der Mensch ist nicht für das „Dauersitzen“ gemacht.

Audi BKK: Wie sehen Ihre Empfehlungen aus?
Dr. Birgit Sperlich: Überall dort, wo es möglich ist, sollten lange Sitzzeiten konsequent reduziert oder nach spätestens 60 Minuten durch leichte Aktivitäten unterbrochen werden. Ideal wären zwei bis drei Stunden, die wir täglich mehr auf den Beinen sind.

Audi BKK: In der Freizeit mag es zahlreiche Gelegenheiten geben. Was ist mit Lebensbereichen, die der Einzelne nur schwer beeinflussen kann?
Dr. Birgit Sperlich: Bestenfalls findet ein gesellschaftlicher Wandel statt. Das Image des Rauchens hat sich auch geändert. Unser Bewegungsspektrum muss sich langfristig wieder erweitern. Wir brauchen Lebensräume, in denen gesundes Leben möglich ist. Dazu sollten Politik und Wirtschaft ihren Beitrag leisten. Beispielsweise gehören höhenverstellbare Schreibtische inzwischen in vielen Büros zum Standardmobiliar. Sofern das Angebot sinnvoll genutzt wird, sind Rückenschmerzen damit vermeidbar. Und auch der Stoffwechsel kommt nicht so leicht zum Erliegen. Dafür gibt es ein simples Mittel: Einfach öfter mal aufstehen!

Tagsüber am Schreibtisch, zweimal in der Woche abends zum Sport: „Active Couch Potatoes“
erreichen zwar die von der WHO aufgestellte Aktivitätsempfehlung, sollten aber ebenso lange Sitzzeiten vermeiden!

 

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Wie die Büroumgebung gestaltet werden kann, beschreiben die Wissenschaftlerinnen Birgit Sperlich und Diana Löffler in diesem Beitrag:

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