Sobald Herbst und Winter Einzug halten, haben Husten, Schnupfen, Mandel- und Ohrenentzündungen Hochkonjunktur im Kinderzimmer. Antibiotika versprechen Eltern da schnelle Abhilfe. Doch wann sind sie wirklich nötig? Und wie lange?
Antibiotika: „So schmal wie notwendig, so kurz wie möglich“
Professor Ulrich von Both ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Infektiologie am Dr. von Haunerschen Kinderspital in München. Er sieht Antibiotika als lebensrettende Medikamente, die jedoch wohldosiert eingesetzt werden wollen. Eltern sind für ihn mündige Instanzen im Entscheidungsprozess für oder gegen die Arzneien. Doch wann sind sie wirklich nötig? Und wie lange sollte man sie geben? „Grundsätzlich gilt bei Antibiotika immer: so schmal wie notwendig, ausreichend dosieren und so kurz wie möglich einnehmen“, erklärt der Mediziner. Das bedeutet, dass die Medikamente in Absprache mit der Ärztin oder dem Arzt nicht, wie einst üblich, zu Ende genommen werden müssen. „Nach drei Tagen hat man oft schon viele der Bakterien erwischt, dann kann das Immunsystem übernehmen“, so von Both. Das Ziel ist, die Wirksamkeit der Medikamente langfristig zu erhalten – sowohl für einzelne Menschen als auch für die Gesamtbevölkerung. Und das gelingt nur durch ihren gezielten Einsatz, sagt Professor Ulrich von Both.
Grundsätzlich gilt bei Antibiotika immer: so schmal wie notwendig, ausreichend dosieren und so kurz wie möglich einnehmen.

Gefahr durch Antibiotika: resistente Bakterien
Schauen wir genauer hin. Antibiotika wirken bei Infektionen mit Bakterien, also mit Kleinstlebewesen, die einen eigenen Stoffwechsel besitzen. Gegen Viren haben die Medikamente dagegen keine Chance. Und genau die haben in der kalten Jahreszeit Hochsaison. „Gerade in Herbst und Winter sind es hauptsächlich Viren, die dem Körper Stress machen“, sagt von Both. Ein guter Grund, nicht vorschnell zum Antibiotikum zu greifen. Denn jeder Einsatz hat Folgen: Bakterien vermehren sich schnell mittels Zellteilung (Generationszeiten von 20 bis 30 Minuten) und dabei entstehen immer wieder Mutationen, von denen manche dazu führen, dass ein Bakterium gegen ein bestimmtes Antibiotikum unempfindlich wird. Diese resistenten Bakterien werden durch eine Antibiotika-Therapie selektiert, da sie einen Überlebensvorteil haben. Am Ende gewinnen sie so die Oberhand. Sie können auch auf andere Menschen übertragen werden.
Das Kind schützen – und das große Gleichgewicht
Die Medizin sieht Menschen zudem heute nicht mehr als Gegenüber einer Umwelt, sondern als Teil einer Mitwelt mit Pflanzen und Tieren. Resistente Bakterien haben in diesem großen Ganzen keine Grenzen. Sie entstehen beispielsweise auch in der Tierhaltung, in der häufig Antibiotika zum Einsatz kommen. Oder die Wirkstoffe der Medikamente verbreiten sich übers Wasser, weil sie auf natürlichem Weg ausgeschieden werden. Wer überlegt mit Antibiotika umgeht, schützt deshalb nicht nur das eigene Kind, sondern ein größeres Gleichgewicht.

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Wann Antibiotika? Eltern und Fachwelt Hand in Hand
Medizinische Leitlinien helfen Ärztinnen und Ärzten bei der Entscheidung für oder gegen ein Antibiotikum. Daneben zählen aber auch die klinische Erfahrung des medizinischen Fachpersonals und das Gesamtbild der Situation. Um dies zu stärken, hat Ulrich von Both als Ärztlicher Projektleiter vier Jahre lang das bundesweite Projekt Tele-Kasper koordiniert, das Kinderärztinnen und Kinderärzte telemedizinisch beim Umgang mit Antibiotika unterstützt. Doch nicht nur die Fachwelt kann die Entscheidung für oder gegen ein Antibiotikum mittragen – auch Eltern dürfen mitreden.
Wie bei der verzögerten Verschreibung: Eine Mittelohrentzündung heilt meistens von selbst aus, deshalb lohnt sich zunächst das Abwarten. Die Ärztin oder der Arzt kann aber trotzdem ein Antibiotikum verschreiben, das nur dann eingesetzt wird, wenn es dem Kind nach 48 Stunden nicht besser geht. So vermeiden Eltern eine unnötige Antibiotikagabe und haben für den Ernstfall trotzdem etwas in der Hand. Mündige Eltern und ärztliche Expertise sind kein Widerspruch, sondern ergänzen sich zum Wohle des Kindes.
Häufige Fragen zu Antibiotika bei Kindern (FAQs)
Das hängt von der Erkrankung, dem Alter Ihres Kindes und dem Verlauf ab – eine allgemeine Zahl gibt es nicht. Medizinische Leitlinien geben für die jeweilige Infektion eine Behandlungsdauer vor, teils sind es nur noch fünf Tage. Mehrwöchige Kuren, wie man sie aus der eigenen Kindheit kennt, sind heute die Ausnahme. Der Grundsatz lautet: so schmal wie notwendig, ausreichend dosiert und so kurz wie möglich. Wie lange Ihr Kind das Antibiotikum bekommt, legt die kinderärztliche Praxis individuell fest – fragen Sie dort ruhig nach, wenn Sie unsicher sind.
Wird ein Antibiotikum eigenmächtig abgesetzt, kann die Infektion wieder aufflammen. Deshalb gilt: Auch wenn Fieber und Schmerzen nachlassen – geben Sie das Medikament weiter wie mit Ihrer Kinderärztin beziehungsweise Ihrem Kinderarzt besprochen. Eine kürzere Therapie kann durchaus sinnvoll sein, sie ist aber eine ärztliche Entscheidung. Wenn Sie den Eindruck haben, Ihr Kind braucht das Antibiotikum nicht mehr, halten Sie am besten Rücksprache mit der Praxis, bevor Sie etwas ändern.
Antibiotika wirken gegen Bakterien – gegen Viren richten sie nichts aus. Gerade in Herbst und Winter stecken hinter Husten, Schnupfen und Halsweh meist Viren. Dann helfen die Medikamente nicht, auch wenn es Ihrem Kind spürbar schlecht geht. Liegt tatsächlich eine bakterielle Infektion vor, zeigt sich die Wirkung meist recht schnell: Innerhalb von etwa 48 Stunden sollten Fieber und Beschwerden deutlich zurückgehen. Bleibt diese Besserung aus oder verschlechtert sich der Zustand, stellen Sie Ihr Kind bitte erneut in der Kinderarztpraxis vor.
Antibiotika sind verschreibungspflichtig – die Verordnung trifft die Kinderärztin oder der Kinderarzt. Mitreden dürfen Sie trotzdem. Fragen Sie in der Praxis nach, ob Abwarten in Ihrem Fall vertretbar ist. Bei einer Mittelohrentzündung ist zum Beispiel eine verzögerte Verschreibung möglich: Sie bekommen ein Rezept, lösen es aber nur ein, wenn es Ihrem Kind nach 48 Stunden nicht besser geht. Nicht geeignet sind dagegen Restbestände aus früheren Behandlungen – sie passen weder im Wirkstoff noch in der Dosierung zur aktuellen Erkrankung.
Ganz vermeiden lassen sich Infekte im Kinderalltag nicht – Kita und Schule bringen nun einmal viele Kontakte mit sich. Das Immunsystem Ihres Kindes können Sie aber unterstützen: mit ausgewogener Ernährung, wenig Zucker, viel Bewegung und ausreichend Schlaf. Impfungen schützen vor schweren Erkrankungen, trainieren das Immunsystem für den Ernstfall und können so unnötige Antibiotikagaben verhindern. Und ganz alltäglich: Gründliches Händewaschen mit Seife, mindestens 20 bis 30 Sekunden lang, senkt das Ansteckungsrisiko spürbar. Kleine Routinen, die über die Zeit viel bewirken.



