Das Frühstück wird zur Geduldsprobe, Hausaufgaben enden in Tränen. Und abends, wenn endlich Ruhe einkehren könnte, fehlt die Kraft für gemeinsame Momente. Hat ein Kind ADHS, ist das oft kräftezehrend für die ganze Familie. Hier vier Tipps, um Entspannung zu schaffen.
Reize filtern, Impulse kontrollieren
Eines steht fest: „Die Erziehung von Kindern mit ADHS erfordert einen erhöhten Einsatz der Eltern", sagt Prof. Dr. Stephan Bender, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Köln. Betroffene Eltern sind damit nicht allein. Etwa zwei bis sechs Prozent aller Kinder und Jugendlichen leben mit ADHS. Hinter der Diagnose stehen drei Kernsymptome: Hyperaktivität, Unaufmerksamkeit und Impulsivität. Was nach außen wie Widerspenstigkeit wirkt, hat neurobiologische Ursachen. Bestimmte Botenstoffe im Gehirn arbeiten anders: Die Kinder filtern Reize schlechter, können Impulse schwer kontrollieren.
Hilfreich bei ADHS: Struktur und Orientierung
Bei aller Herausforderung können Eltern viel bewirken. Sie können für ihr Kind beispielsweise einen verlässlichen Rahmen schaffen, in dem es sich entwickeln kann. Denn Kinder mit ADHS brauchen klare Orientierung. Ein strukturierter Tagesablauf hilft ihnen, sich zurechtzufinden, und spart Energie für alle. Feste Essenszeiten, wiederkehrende Abläufe am Morgen und Abend, ein Überblick über den Tag – das macht einen großen Unterschied. Auch grundsätzlich hilfreich: auf Belohnung setzen. „Kinder mit ADHS sprechen gut auf Belohnungen an. Hingegen tun sie sich schwer mit der Hemmung von Verhalten, weshalb Bestrafungen oft keinen Effekt haben."
„Der Einsatz zahlt sich aus“
Für Prof. Bender steht fest: „Die besonderen Bedürfnisse ihres Kindes kosten die Eltern viel Einsatz bei scheinbar selbstverständlichen Alltagsaufgaben. Dieser Einsatz zahlt sich aber in der Entwicklung des Kindes aus." Und so beschwerlich der Alltag mit ADHS auch sein kann: Betroffene Kinder bringen oft ganz besondere Stärken mit. „Kinder mit ADHS können anstrengend sein, sind aber auch unheimlich kreativ und lebendig", betont Prof. Bender. „Als Erwachsene können sie vom typischen Hyperfokus, also der extremen Konzentration auf ein Thema, sogar profitieren, wenn sie gelernt haben, damit umzugehen."
Bei Überforderung medizinische Hilfe holen
Für erschöpfte Eltern sicherlich auch eine gute Perspektive: Die motorische Hyperaktivität lässt in der Regel mit steigendem Alter deutlich nach. Dennoch rät Prof. Bender: „Wenn sich Eltern nachhaltig überfordert fühlen, ist es ratsam, leitliniengerecht auf eine adäquate Diagnostik und gegebenenfalls auf die Unterstützung durch Medikamente zurückzugreifen."
ADHS: Tipps für den Familienalltag
Kinder mit ADHS kosten Kraft. Um diese Kraft immer wieder neu zu schöpfen, achten Sie auf Ihre Bedürfnisse. Verteilen Sie die Aufgaben auf mehrere Schultern und wechseln Sie sich mit dem Partner, der Partnerin oder nahen Verwandten ab.
Kinder mit ADHS erleben viel Kritik in Schule und Alltag. Daher ist es wichtig, den Blick auf das Gelungene zu richten. Was hat heute geklappt? Wo war das Kind aufmerksam oder hilfsbereit? Darüber zu sprechen, stärkt das kindliche Selbstwertgefühl. Nehmen Sie sich auch nach einem schwierigen Tag zehn Minuten für etwas Schönes, ein Spiel, eine Umarmung, ein Lachen. Diese Momente tragen durch den nächsten Tag.
Ihr Kind braucht mehr Lenkung als andere. Drei bis fünf Regeln, konsequent angewandt, sind hilfreicher als viele, die Sie nicht durchsetzen. Formulieren Sie die Regeln positiv. Statt „Nicht schreien" besser „Wir sprechen ruhig miteinander". Besprechen Sie die wichtigsten Familienregeln mit Ihrem Kind.
Loben Sie Ihr Kind, wenn es eine Regel einhält: ein freundliches Nicken, ein Lächeln, ein ermunterndes „schön". Bricht es die Regel, folgt eine Konsequenz: ruhig, klar und ohne lange Diskussionen.



