Vielleicht kennen Sie das auch? Sie sind unruhig, oft abgelenkt, vergesslich, impulsiv. Auch das Organisieren fällt Ihnen schwer. Die Symptome zeigen sich in unterschiedlichen Bereichen Ihres Lebens – und das seit vielen Jahren. Und nun hat das Ganze einen Namen: ADHS.
Seit einiger Zeit erhält die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, viel öffentliche Beachtung. Plötzlich, so scheint es, sind sehr viele Menschen davon betroffen und erhalten diese Diagnose. Warum gerade jetzt?
Was ist ADHS und wie zeigt sie sich im Erwachsenenalter?
ADHS – mitunter auch AD(H)S geschrieben – ist eine neuroentwicklungsbedingte Störung, die in der Regel in der Kindheit beginnt und bei vielen Betroffenen bis ins Erwachsenenalter fortbesteht. Der Buchstabe „H" steht dabei für Hyperaktivität: ein Symptom, das nicht bei allen Betroffenen gleichermaßen ausgeprägt ist.
Die Störung beeinflusst, wie das Gehirn Informationen verarbeitet, Reize filtert und Impulse steuert. Die genauen Ursachen der Erkrankung werden in der Forschung noch diskutiert. Dennoch gehen heute die meisten Fachleute davon aus, dass bei ADHS verschiedene Gehirnnetzwerke und Botenstoffsysteme beteiligt sind, darunter auch solche, die mit Dopamin und Noradrenalin arbeiten. Genetische Faktoren tragen offenbar wesentlich zum Risiko bei. Psychosoziale Bedingungen, zum Beispiel chronischer Stress, Ängste oder schwierige familiäre Verhältnisse, können den Schweregrad der Erkrankung beeinflussen und krankheitsbedingtes Verhalten verstärken und verfestigen.
Die Kernsymptome von ADHS
Die drei Kernsymptome bei Kindern und Jugendlichen sind Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Doch im Erwachsenenalter verändert sich das Bild: Die im Kindesalter oft stark ausgeprägte motorische Unruhe wandelt sich häufig in eine innere Unruhe. Der rastlose Grundschüler von einst ist vielleicht der Erwachsene geworden, der nicht abschalten kann, sich verzettelt und bei einem Vorhaben nicht planvoll vorangehen kann.
Für eine ADHS-Diagnose müssen zunächst andere Ursachen ausgeschlossen werden und diese Symptome …
- seit mindestens sechs Monaten bestehen,
- sich in mehreren Lebensbereichen zeigen,
- den Alltag spürbar beeinträchtigen
- und bereits in der Kindheit begonnen haben.
Zahlen zeigen einen deutlichen Anstieg
Dass mehr Menschen die Diagnose erhalten, ist nicht nur eine gefühlte Wahrheit. Es ist ein Fakt und lässt sich mit Zahlen belegen. Dazu hat beispielsweise das „Deutsche Ärzteblatt“ Ende 2025 neue Daten veröffentlicht. Sie basieren auf der Auswertung von Daten des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung. Das Ergebnis: Die Zahl der erstmals diagnostizierten AD(H)S-Fälle bei Erwachsenen in Deutschland zwischen 2015 und 2024 ist fast um das Dreifache gestiegen. Von 10.000 gesetzlich Versicherten werden heute etwa 26 im Jahr neu mit AD(H)S diagnostiziert, 2015 waren es nur neun.
Doch diese bemerkenswerten Zahlen müssen eingeordnet werden: Mehr Diagnosen bedeuten nicht zwangsläufig mehr Erkrankte. Sie können auch bedeuten, dass bislang Übersehenes jetzt sichtbar wird.

Warum jetzt? Gründe für den Anstieg der ADHS-Zahlen
Eine aktuelle Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung, erschienen im „Deutschen Ärzteblatt International“, liefert eine wichtige Einordnung: „Es ist anzunehmen, dass der Symptombeginn bei vielen Fällen deutlich früher lag und es sich größtenteils um verspätete Diagnosen handelt." Viele der Betroffenen hatten demnach bereits in der Kindheit ADHS, nur eben keine Diagnose. Noch vor einigen Jahrzehnten galt ADHS als Kindheitsstörung, die sich mit der Pubertät von selbst erledigt. Wir wissen heute: Bei vielen Betroffenen bleiben wesentliche Symptome auch im Erwachsenenalter bestehen.
Die gestiegene Diagnosehäufigkeit kann entsprechend auch Ausdruck einer erhöhten Sensibilisierung von Ärztinnen, Ärzten und Betroffenen für die erwachsene Form der ADHS sein. Was früher als Charakterschwäche galt, wird heute differenziert betrachtet.
Ein weiterer Faktor könnten die Belastungen aus der Corona-Pandemie und deren Auswirkungen auf die Psyche sein. ADHS ist zwar vor allem genetisch bedingt, aber die Symptome können sich durch ungünstige Umweltfaktoren stärker zeigen.
ADHS bei Frauen lange im Verborgenen
Besonders ins Auge fällt die Entwicklung bei Frauen. Dass bei ihnen ADHS lange seltener diagnostiziert wurden, ist kein Zufall: Das Bild präsentiert sich bei ihnen häufig anders als bei Männern. Ausgeprägte Hyperaktivität ist seltener; stattdessen dominieren Unaufmerksamkeit, innere Unruhe, emotionale Überforderung und ein nach innen gerichtetes Belastungserleben. Symptome also, die mitunter anderen Erkrankungen zugeordnet werden. Die Folge: Viele Frauen erhalten ihre ADHS-Diagnose erst spät. Nicht selten, nachdem sie zuvor gegen Depressionen oder Angststörungen behandelt worden waren.
Die zwiespältige Rolle der sozialen Medien
Es erhalten also tatsächlich mehr Menschen als zuvor die Diagnose ADHS. Kein Wunder also, dass wir mehr von dieser Krankheit hören. Doch das allein, verursacht noch nicht die große Popularität. Dass wir den Eindruck gewinnen, dass uns ADHS als Thema sehr häufig begegnet, liegt auch daran, dass es in sozialen Netzwerken präsent ist.
Das kann von Vorteil sein: Viele Menschen erkennen sich in diesen Schilderungen selbst oft zum ersten Mal wieder. Gleichzeitig aber warnen Expertinnen und Experten, dass Social-Media-Inhalte zu einer vorschnellen Selbstzuordnung oder zu einer Überdehnung des ADHS-Begriffs beitragen können.
Wann braucht man ärztliche Hilfe und was passiert dann?
Ein begründeter Verdacht ist kein Anlass zur Sorge, sondern erst einmal ein Ausgangspunkt. Die gesicherte Diagnostik erfolgt in der Regel durch spezialisierte Fachärztinnen und Fachärzte oder entsprechende Ambulanzen; die Hausarztpraxis kann den Weg dorthin koordinieren. Die Diagnose umfasst eine ausführliche Erhebung der Krankengeschichte, spezielle Fragebögen sowie eine körperliche Untersuchung, um andere Grunderkrankungen auszuschließen.
Wenn die Diagnose steht, stehen verschiedene Wege offen. Nicht immer ist eine Therapie oder die Einnahme von Medikamenten notwendig: Menschen mit milden Symptomen kommen oft gut mit gezielten Alltagsstrategien und Routinen zurecht. Bei stärkeren Beeinträchtigungen kommen Psychotherapie und in Absprache mit der Ärztin oder dem Arzt auch Medikamente infrage.
Mehr Diagnosen als Zeichen von Fortschritt
Der Anstieg der ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen ist kein Zeichen einer Modediagnose. Er ist, bei aller gebotenen Differenzierung, vor allem eines: ein Aufholprozess. Menschen, die jahrelang mit dem Gefühl gelebt haben, irgendwie nicht zu funktionieren, erhalten endlich eine Erklärung und damit Zugang zu Unterstützung.
Da ADHS mit einem erheblichen Leidensdruck verbunden sein kann und Auswirkungen auf die Lebensqualität hat, schätzen Forschende den Anstieg der Neudiagnosen als positiv ein. Denn dadurch können mehr Betroffene eine Therapie in Anspruch nehmen.
Häufige Fragen bei ADHS im Erwachsenenalter
ADHS entsteht nicht neu im Erwachsenenalter. Es handelt sich um eine neurobiologische Entwicklungsstörung, deren Wurzeln in der Kindheit liegen. Bei vielen wird sie erst im Erwachsenenalter diagnostiziert, obwohl die Symptomatik schon früher bestand. Was sich verändert, ist nicht die Störung selbst, sondern der Zeitpunkt, zu dem sie einen Namen bekommt. Gerade Frauen erhalten ihre Diagnose häufig erst im dritten oder vierten Lebensjahrzehnt, manchmal ausgelöst durch eine Lebensphase mit höheren Anforderungen wie Elternschaft oder den Wegfall von Alltagsstrukturen.
Die Diagnose liegt in den Händen von Fachärztinnen und Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie oder Neurologie. Sie umfasst mehrere Schritte: eine ausführliche Erhebung der Lebensgeschichte, standardisierte Fragebögen zur aktuellen Symptomatik und zur Kindheit sowie eine körperliche Untersuchung, um andere Ursachen auszuschließen. Ein Selbsttest aus dem Internet oder ein kurzes Gespräch reichen für eine gesicherte Diagnose nicht aus. Der Einstieg gelingt oft über die Hausarztpraxis, die eine Überweisung ausstellt und die weitere Abklärung koordiniert. Mit einer Diagnose lässt sich gezielt nach Unterstützung suchen: medikamentös, therapeutisch und/oder durch strukturelle Anpassungen im Alltag.
In der medikamentösen Therapie von ADHS bei Erwachsenen sind sogenannte Psychostimulanzien und Atomoxetin am besten untersucht. Beide Substanzen haben sich in Studien als wirkungsvoll erwiesen. Bei den Psychostimulanzien wird am häufigsten Methylphenidat verordnet. Nicht jede Person mit ADHS benötigt Medikamente. Ob sie sinnvoll sind, hängt vom Schweregrad der Beeinträchtigung ab und wird individuell mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt besprochen.
Das klassische Bild von ADHS – der unruhige, impulsive Junge im Unterricht – erfasst nur einen Teil der Betroffenen. Bei Frauen zeigt sich die Störung häufig anders: weniger nach außen, dafür mehr nach innen gerichtet. Innere Unruhe, ein kaum abstellbares Gedankenkarussell, Schwierigkeiten bei der Selbstorganisation und emotionale Überreizung stehen im Vordergrund. Hyperaktivität ist seltener sichtbar. Weil diese Symptome weniger auffallen, werden sie häufig fehlgedeutet, zum Beispiel als Erschöpfung oder Depression. Viele Frauen erhalten daher erst spät die richtige Diagnose. Genau deshalb ist ein gestiegenes Bewusstsein für die geschlechtsspezifische Ausprägung von ADHS so wichtig für Betroffene und behandelnde Fachkräfte.



