Hirngesundheit: „Wir sind selbst die Medizin"

Unser Gehirn kann mehr, als wir lange dachten – ein Leben lang. Prof. Dr. Siegrid Löwel, Neurowissenschaftlerin an der Universität Göttingen, erklärt uns, warum sich unser Gehirn ständig umbaut, was wir für unsere geistige Fitness tun können und warum es nie zu spät ist, etwas zu verändern.

Frau Professorin Löwel, Sie erforschen seit vielen Jahren, wie sich unser Gehirn verändert und anpasst. Lange galt es als weitgehend „fertig verdrahtet". Was hat Sie daran fasziniert, genau das zu hinterfragen?

Eigentlich war schon lange klar, dass sich auch im erwachsenen Gehirn etwas verändern muss – denn Erwachsene lernen ja. Und Lernen bedeutet Veränderungen in den Verschaltungen unserer Nervenzellen. Diese Fähigkeit des Gehirns, sich durch Lernen und Erfahrung strukturell und funktionell anzupassen, nennen wir Neuroplastizität. Was den Eindruck der festen Verdrahtung lange dominiert hat, war die frühere Annahme, dass sich das Gehirn nach Verletzungen nicht regenerieren kann. 

Schlaganfälle oder Querschnittslähmungen waren vor Jahrzehnten Urteile für immer. Hier hat sich zum Glück viel geändert. Ende der 1980er-Jahre kamen die ersten Forschungsergebnisse, die zeigten: Es geht viel mehr, als man angenommen hatte. Mich hat schon immer interessiert, wie unsere Lebensumstände Einfluss auf unser Gehirn nehmen. Die Idee dahinter: Wenn wir verstehen, warum Erwachsene schlechter lernen als Kinder, können wir vielleicht gezielt Fenster der Möglichkeiten wieder öffnen.

Wir können uns bis zum letzten Atemzug verändern – man muss es nur tun.
Prof. Dr. Siegrid Löwel, Neurowissenschaftlerin an der Universität Göttingen

Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir etwas Neues lernen?

Sämtliches Verhalten beruht auf der Aktivität von Nervenzellen, und diese sind in komplexen Netzwerken verschaltet. Jede einzelne Zelle bekommt im Durchschnitt von tausend anderen Eingänge – über sogenannte Synapsen. Diese Übertragung von Zelle zu Zelle kann sich verstärken oder abschwächen. Wenn wir etwas oft tun, werden Synapsen gestärkt, es werden neue gebaut. Wenn wir Dinge nicht mehr tun, werden sie zunächst abgeschwächt und letztlich physisch abgebaut – sie sind dann nicht einfach stillgelegt, sondern tatsächlich nicht mehr da. Und das Gehirn macht das aus gutem Grund: Es ist energetisch extrem kostspielig. 

Unser Gehirn macht nur zwei Prozent unseres Körpergewichts aus, beansprucht aber zwanzig Prozent des Energieverbrauchs. Unser Organismus hat sich in einer Zeit entwickelt, in der Nahrung nicht ständig verfügbar war. Deshalb setzt es bis heute auf Ökonomie: Jede Struktur, die nicht gebraucht wird, kostet unnötig Energie und kommt weg – beim Muskel genauso wie im Gehirn.

Gibt es bestimmte Lebensphasen, in denen sich unser Gehirn besonders stark verändert?

In den ersten Lebensjahren passiert enorm viel. Die Synapsendichte steigt im ersten Lebensjahr massiv an – danach beginnt bereits der Abbau. Ein zwanzig Jahre alter Mensch hat in bestimmten Hirnarealen nur noch die Hälfte der Synapsen eines einjährigen Babys. Das ist nicht nur ökonomisch, sondern auch eine Form der Spezialisierung. Ein Beispiel: Babys können in den ersten sechs Monaten Unterschiede in Sprachlauten sämtlicher Sprachen der Welt erkennen. Erst danach spezialisieren sie sich auf ihre Muttersprache.

In der Pubertät gibt es einen weiteren großen Schub, da hormonell bedingt noch einmal viel umgebaut wird. Im Alter nimmt die Neuroplastizität dann mehr und mehr ab, weil Stoffwechsel und Reparaturmechanismen nachlassen. Aber – und das ist wichtig – es gibt 80-Jährige, die kognitiv fitter sind als manche 50-Jährige. Der Abbau hat immer auch mit Benutzung oder Nichtbenutzung zu tun.

Was können wir konkret tun, um unser Gehirn fit zu halten?

Wir können da selbst viel beeinflussen. Die zentralen Hebel sind Bewegung, soziale Interaktion und gesunde Ernährung. Man muss sich bewusst machen: Als wir Menschen uns entwickelten – und damit auch unser Gehirn –, war Nahrung Mangelware. Heute haben wir das Problem, dass Nahrung im Überfluss permanent verfügbar ist, wir ständig essen und uns gleichzeitig viel weniger bewegen. Wir sollten uns daran orientieren, wie es unsere Vorfahren vor 10.000 Jahren gemacht haben. Die mussten erst mal eine ganze Weile ackern, um etwas zu ernten oder zu erjagen. Und genau diese körperliche Aktivität hält den Menschen gesund.

Heißt in unsere heutige Welt übersetzt?

In Bewegung bleiben. Öfter das Auto stehen lassen, laufen, Fahrrad fahren, spazieren gehen. Am besten im Wald, denn Waldluft stärkt zusätzlich unser Immunsystem. Und: sozial aktiv bleiben, Leute treffen, interagieren. Eine besonders wirksame Kombination für unsere geistige Fitness ist tatsächlich Tanzen. Eine Studie mit 60- bis über 90-Jährigen hat gezeigt: Diejenigen, die nur eine Stunde pro Woche getanzt haben, waren am Ende in fast allen Parametern besser. Denn beim Tanzen kommen Bewegung, soziale Interaktion und kognitive Anforderung zusammen. Was wir also vermeiden sollten: Einsamkeit, Bewegungsmangel und alles, was den Kreislauf schädigt. Man kann sich merken: Alles, was schlecht für Herz und Kreislauf ist, ist auch schlecht fürs Gehirn. Ganz einfach weil das Herz das Gehirn mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Und wer sich dann zusätzlich noch Dinge sucht, die Freude machen – zusammen kochen, ein Konzert besuchen, ein gemeinsamer Waldspaziergang – der tut seinem Gehirn das Beste, was man tun kann.

Und welche Ernährung mag unser Gehirn?

Ein wichtiger Punkt, denn man kann mit Ernährung ganz viel bewirken. Zentral ist: Wenig Alkohol und auf Rauchen am besten komplett verzichten. Auch Zucker ist ein großes Thema. Neben vielen anderen schädlichen Eigenschaften macht ein Übermaß an Zucker die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger, sodass Giftstoffe ins Gehirn gelangen können. Außerdem fördert Zucker chronische Entzündungen, auch im Gehirn – und die möchte man einfach nicht haben, denn sie erhöhen unter anderem das Krebsrisiko. 

Viele unserer Organe leiden übrigens unter zu viel Zucker. Wenn man ihn stark reduziert, können diese wieder gesunden. Gut für das Gehirn ist dagegen zum Beispiel die mediterrane Ernährung: wenig Fleisch, denn auch das kann Entzündungen fördern, dafür viel Gemüse, Obst und gute Fette. Diese Art der Ernährung hat übrigens auch eine antidepressive, also stimmungsaufhellende Wirkung.

Können wir unsere Neuroplastizität in jedem Alter steigern?

Absolut. Wir können uns bis zum letzten Atemzug verändern – man muss es nur tun. Die meisten von uns würden am liebsten eine Pille nehmen und alles beim Alten lassen. Aber so funktioniert es nicht. Wir haben nur dieses eine Leben, also sollte man sich auch reinhängen. Das Auto stehen lassen, laufen, Fahrrad fahren, weniger Zucker, weniger Alkohol, rausgehen, Leute treffen. Dafür ist es nie zu spät. Eine belgische Forschungsgruppe hat es mal wunderbar formuliert: Wir sind selbst die Medizin. Dem kann ich nur zustimmen.

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