Migräne: Raus aus dem Schmerz

Migräne ist nicht gleich Migräne. Sie kann stark oder auch schwach sein, kurz oder lang. Während die einen den Alltag noch bewältigen können, können die anderen nur noch liegen. Migräne hat viele Gesichter – und das macht sie mitunter schwer zu erkennen.

Es kann das Glas Rotwein sein, ein veränderter Schlafrhythmus oder ein extrem stressiger Tag. Und schon geht es los, das Unwetter im Kopf: pochend, ziehend, oft mit aufsteigender Übelkeit. Was eine Migräneattacke auslöst, wie sie sich genau anfühlt, wie lange sie dauert und was gegen den Schmerz hilft – all das ist sehr individuell. Viele Betroffene lernen „ihre" Migräne mit den Jahren immer besser kennen. Sie verstehen, was zu den Schmerzen führt und wie sie ihren Alltag so anpassen, dass sie möglichst selten auftreten. Und wenn sie denn kommen, dass sie möglichst schnell wieder gehen. Dazu bedarf es Erfahrung, aber zunächst vor allem einer ärztlichen Diagnose. 

Migräne nicht aushalten, sondern Hilfe suchen

Denn obwohl Migräne nicht heilbar ist, steht Betroffenen eine Auswahl wirksamer Mittel zur Verfügung, um ihre Schmerzen zu lindern. Und dies ist wichtig, denn unbehandelt kann diese Erkrankung irgendwann chronisch werden, was mehr als 15 Kopfschmerztage im Monat bedeutet. „Extrem wichtig ist eine frühzeitige Behandlung auf Basis einer guten Beratung dazu, was mit oder ohne Medikamente machbar ist", betont Dr. Ruth Ruscheweyh. Sie ist Neurologin am Oberbayerischen Kopfschmerzzentrum München und stärkt Betroffene in ihrer individuellen Krankheitskompetenz. Ihr Appell: nicht aushalten und versuchen, irgendwie mit der Krankheit zu leben. „Viele Betroffene suchen sich keine ärztliche Hilfe, weil sie denken, man könne da sowieso nichts machen. Das liege in der Familie und sei eben so." 

Extrem wichtig ist eine frühzeitige Behandlung auf Basis einer guten Beratung dazu, was mit oder ohne Medikamente machbar ist.
Dr. Ruth Ruscheweyh, Neurologin am Oberbayerischen Kopfschmerzzentrum München

Betroffene fühlen sich nicht ernst genommen

Ein weiterer Grund ist das Stigma, das Migräne bis heute anhaftet: Obwohl sie eine komplexe neurologische Erkrankung ist, wird sie in der Gesellschaft oft als unbedeutend und nicht so schlimm abgetan. Aktuelle Studien zeigen, dass Betroffene in ihrem Umfeld auf Unverständnis stoßen, sich nicht ernst genommen, sogar diskriminiert fühlen und aus Unsicherheit einen Arztbesuch hinauszögern oder vermeiden. Und nicht zuletzt könnte einer Diagnose im Weg stehen, dass manche Menschen ihren Kopfschmerz erst gar nicht als Migräne erkennen. Solange diese nur ab und an auftritt und die Menschen mit herkömmlichen Schmerzmitteln gut zurechtkommen, sei das ja auch in Ordnung, sagt Ruth Ruscheweyh. „Aber bei vielen ist der Leidensdruck höher, herkömmliche Schmerzmittel wirken nicht ausreichend und dann sollte man unter ärztlicher Begleitung auch spezifischere Medikamente einsetzen."

Welche Mittel gibt es?

Dies können zum einen Medikamente gegen die akuten Schmerzen sein, zum anderen auch prophylaktische, also vorbeugende Mittel. Bei leichten Attacken können antientzündliche Präparate wie Ibuprofen, ASS oder Diclofenac helfen. Bei schweren Attacken sind Triptane die Mittel der Wahl – spezifische Migränemittel, die stärker wirken als herkömmliche Schmerzmittel. Dr. Ruscheweyh rät dazu, verschiedene Akutmedikamente durchzuprobieren, um dasjenige zu finden, das für einen selbst am besten funktioniert – im speziellen bei Triptanen. „Es gibt insgesamt sieben verschiedene und man kann nur durch Ausprobieren herausfinden, was beim eigenen Migränetyp am besten wirkt." 

Ab vier Migränetagen mit deutlicher Beeinträchtigung pro Monat raten Fachleute zu vorbeugenden Maßnahmen, also zu einer Migräneprophylaxe. Diese kann medikamentös erfolgen durch klassische Mittel wie Betablocker, Amitriptylin oder Topiramat. Kommt man damit nicht weiter, kann eine Botoxbehandlung nach einem speziellen Migräneschema helfen. „Diese wird bei chronischer Migräne – mit 15 oder mehr Kopfschmerztagen pro Monat – angewendet und führt oft zu einer deutlichen Besserung", erklärt Dr. Ruscheweyh. 

Durchbruch durch Antikörpertherapie

Ein echter Durchbruch in der Migräneprophylaxe ist die noch recht neue Antikörpertherapie. Spezifische Antikörper blockieren das CGRP – ein Neuropeptid, das bei Migräneattacken ausgeschüttet wird, gefäßerweiternd sowie entzündungsfördernd wirkt und Schmerzen vermittelt. Die CGRP-Antikörper werden als Subkutan-Spritze einmal monatlich eingesetzt und sind gut verträglich und oft gut wirksam. Zudem gibt es seit Kurzem Medikamente mit ähnlichem Wirkmechanismus in Tablettenform. Diese heißen Gepante und wirken ebenfalls gut.

Stress: einer der größten Auslöser

Es gibt noch eine weitere wichtige Möglichkeit der Prophylaxe – die Stressreduktion. Denn Stress ist einer der größten Auslöser für Migräne. Für Betroffene wichtig zu wissen: Migräne-Menschen haben ein besonderes Verhältnis zu Stress, und dies aus zwei Gründen. Zum einen sind viele Betroffene in der Erfahrung Dr. Ruscheweyhs sehr leistungsorientiert und auch leistungsfähig. „Da bleiben selbst kleine Pausen oft auf der Strecke, die jedoch dringend nötig sind." 

Migränemenschen sind reizsensibler

Die zweite Besonderheit: Das Gehirn von Migränikerinnen und Migränikern unterscheidet sich von anderen durch eine erhöhte Sensibilität gegenüber äußeren Reizen. Grelles Licht, zu starke Gerüche, eine etwas lautere Hintergrundmusik: „Dinge, die andere gut ausblenden können, sind für Migränepatientinnen und -patienten oft unangenehm", sagt Dr. Ruscheweyh. Durch diese genetisch bedingte Reizoffenheit sind Betroffene schon im Alltag einem erhöhten Stress ausgesetzt. Aber auch andere Umweltfaktoren spielen eine große Rolle. In welcher Lebenssituation bin ich? Wie viele Stressfaktoren habe ich in Arbeits- und Privatleben? Wie viel freie Zeit bleibt für mich? All das hat einen enormen Einfluss auf die Häufigkeit von Migräneattacken.

Das Gute am Faktor Stress: Man kann daran arbeiten. Regelmäßige Pausen, Entspannungsverfahren, Zeit für sportlichen Ausgleich – ein gutes, individuelles Stressmanagement kann die Migräne deutlich lindern. „Die Betroffenen sind ihrer Veranlagung nicht hilflos ausgeliefert", sagt Ruth Ruscheweyh. Die Expertin blickt insgesamt optimistisch in die Zukunft. „Man versteht Migräne und die Mechanismen dahinter immer besser. Speziell die Antikörper-Therapie hat einen großen Fortschritt gebracht. Wir können Migränepatientinnen und -patienten inzwischen viel anbieten. Am besten funktioniert es, wenn sie selbst aktiv mitarbeiten."

Zum Weiterlesen

Hirngesundheit: „Wir sind selbst die Medizin"

Gesundheit

Unser Gehirn kann mehr, als wir lange dachten – ein Leben lang. Prof. Dr. Siegrid Löwel, Neurowissenschaftlerin an der Universität Göttingen, erklärt uns, warum sich unser Gehirn ständig umbaut, was wir für unsere geistige Fitness tun können und warum es nie zu spät ist, etwas zu verändern.

Nichtstun: Wenn das Gehirn aufräumt

Körper & Seele

Nur wer immer aktiv ist, ist auch wirklich erfolgreich – oder? Wir haben mit der Psychiaterin und Psychotherapeutin Dr. Iris Hauth über die Bedeutung des Nichtstuns für die Psyche gesprochen.

Brainfood – Treibstoff für unser Gehirn

Ernährung

Wussten Sie, dass ein fittes Gehirn auch eine Frage der richtigen Ernährung ist? Brainfood, also gehirngesunde Ernährung, hilft, Ihren Denkapparat ordentlich am Laufen zu halten. Hier ein paar Fakten und ein unglaublich leckeres Rezept.

Ihr Kontakt zu uns

Postfach 10 01 60
85001 Ingolstadt