Eine Zecke im Sommergras. Ein Hähnchen aus dem Supermarktregal. Ein milderer Winter als früher. Was hat all das mit unserer Gesundheit zu tun? Tatsächlich eine ganze Menge.
Gesundheit größer gedacht
Was brauchen wir für ein gesundes Leben? Eine bewusste Ernährung und regelmäßig eine Dosis Sport. Stimmt so weit. Aber hätten Sie gedacht, dass auch Plastikmüll, Flugreisen oder nachhaltige Landwirtschaft unsere Gesundheit beeinflussen? Denn die Dimensionen von Gesundheit sind größer, als uns lange bewusst war, und gehen noch weit über uns Menschen hinaus. Schließlich teilen wir uns den Planeten noch mit der Tier- und Pflanzenwelt. Gemeinsam bilden wir eine enge Lebensgemeinschaft: Was dem einen schadet, betrifft am Ende auch die anderen. Krankheitserreger, Schadstoffe und ökologische Veränderungen machen nicht an Artengrenzen halt. Sie betreffen Böden, Wasser, Luft, Tiere – und uns. Antibiotikaresistenzen, Hitzewellen, Feinstaub, neue Allergien: Vieles davon entsteht im Zusammenspiel von Umwelt und Mensch. Alles hängt zusammen. Die Forschung hat diesem neuen Gesundheitsbegriff einen Namen gegeben: One Health. Dieser ganzheitliche Gesundheitsansatz bringt die Perspektiven aus Human-, Tiermedizin und Umweltwissenschaften zusammen. Denn viele neue Gesundheitsfragen lassen sich nur so wirklich verstehen.
Neue Herausforderungen
Ein Beispiel macht das greifbar: Infektionskrankheiten. Schätzungen des US-amerikanischen Center for Disease Control (CDC) zufolge sind rund 60 Prozent der menschlichen Infektionskrankheiten ursprünglich tierischen Ursprungs. Bei neu auftretenden Infektionskrankheiten liegt der Anteil noch höher. Fachleute sprechen von Zoonosen, also Krankheiten, die zwischen Tier und Mensch übertragen werden können. Grippe, Tollwut oder das Coronavirus gehören dazu. Ein weiteres Feld zeigt die Verbindung besonders deutlich: Antibiotikaresistenzen. Antibiotika werden nicht nur in der Humanmedizin eingesetzt, sondern gerade auch in der Tierhaltung. Werden sie zu häufig oder unsachgemäß verwendet, können sich Bakterien anpassen. Sie werden unempfindlich gegen die Mittel, die eigentlich helfen sollen.
Grundlagen für ein gesundes Leben
Und genau hier kommt das Hähnchen aus dem Supermarktregal ins Spiel: Resistente Keime kennen keine Grenzen. Sie gelangen über Lebensmittel, Abwasser und Böden in unsere Umwelt – etwa wenn belastete Gülle auf Ackerflächen ausgebracht wird. Für Sie bedeutet das: Wie wirksam Antibiotika im Ernstfall noch sind, wenn Sie oder Ihre Familie sie wirklich brauchen, hängt auch davon ab, wie sorgsam alle damit umgehen. Lösen lässt sich das nur im Zusammenspiel: in Arztpraxen, in der Landwirtschaft und im Umgang mit der Umwelt. Auch die Umwelt selbst wirkt unmittelbar auf unsere Gesundheit. Saubere Luft, intakte Böden, sauberes Wasser – das sind keine abstrakten Naturthemen, sondern Grundlagen für ein gesundes Leben. Besonders deutlich wird das durch die Klimaveränderung und die damit verbundenen milden Winter. Steigende Temperaturen erweitern den Lebensraum, in dem Mücken oder Zecken leben können. Mit ihnen verschieben sich auch Krankheiten, die sie übertragen. Das kann ganz praktisch heißen: Ein Schutz vor Insektenstichen, der früher eher für den Urlaub im Süden nötig war, wird vielleicht auch hierzulande wichtiger.

„Wir sind von Kunststoff komplett umgeben“
Wie sehr die Bereiche ineinandergreifen, zeigt ein weiteres Thema, das viele von uns im Alltag umtreibt: Mikroplastik. Gemeint sind winzige Kunststoffpartikel, kleiner als fünf Millimeter. Sie entstehen, wenn größere Plastikteile zerfallen, oder sie werden gezielt in Produkten eingesetzt. Ein Pionier auf diesem Gebiet ist Prof. Dr. Christian Laforsch. Der Biologe erforscht an der Uni Bayreuth seit vielen Jahren die gesundheitlichen Auswirkungen von Mikroplastik auf Umwelt, Tier und Mensch. Eines ist für den Experten klar: „Wir sind von Kunststoff komplett umgeben.“ Kleidung, Lichtschalter, Handy – unser Alltag kommt ohne Kunststoff nicht aus. Eintragsquellen von Mikroplastik sind der Abrieb von Autoreifen, der Faserabrieb beim Waschen von Kleidung und die Verwitterung von Plastikmüll in der Natur. Und diese Partikel gelangen über Abwasser, Wind und Niederschlag in die Umwelt und so auch wieder zu uns zurück. Wir atmen sie ein, essen oder trinken sie mit.
Folgen für uns Menschen
Was bedeutet das für unseren Körper? Unklar. „Das meiste, was Tiere mit ihrer Nahrung aufnehmen oder einatmen, scheidet deren Körper wieder aus“, ordnet Prof. Laforsch ein. Wie das beim Menschen ist, sei allerdings noch nicht gut untersucht. Die Forschung zeigt, dass Mikroplastik mittlerweile in fast allen Organen und Geweben – auch menschlichen – nachweisbar ist. „Die Wahrscheinlichkeit, dass wir Mikroplastik aufnehmen, ist hoch. Er ist kein einheitlicher Stoff, sondern besteht aus unterschiedlichen Kunststoffen mit verschiedenen Eigenschaften. Dazu zählen Chemikalien wie Weichmacher. Je nachdem, welche Eigenschaft Mikroplastik aufweist, können Auswirkungen auf die Gesundheit nicht ausgeschlossen werden“, so der Forscher.
Folgen für die Umwelt
Für die Umwelt sind die Folgen oft indirekt und gerade deshalb tückisch. Fasern im Boden können das Wasserspeichervermögen beeinträchtigen – ungünstig in Zeiten von vermehrter Trockenheit durch den Klimawandel. In Gewässern kann Plastik chemische Botenstoffe binden, mit denen viele Tiere kommunizieren. „Sie können dann möglicherweise ihren Geschlechtspartner nicht mehr finden oder ihren Räuber nicht mehr wahrnehmen“, erklärt Laforsch. Verschiebt sich ein Glied im Gefüge, verschiebt sich das ganze System und am Ende auch unsere Nahrungsgrundlage. Bleibt es dabei, dass immer mehr Plastik in die Umwelt gelangt, wird dies die Ökosysteme, von denen wir leben, weiter unter Druck setzen. „Wir haben ein Problem“, betont Laforsch, „nur sind die Mechanismen dieses Problems noch nicht verstanden. Ein Stoff, ausgerüstet mit vielen Chemikalien, dem wir dauerhaft ausgesetzt sind, gehört nicht in unsere Umwelt.“
Ich halte eine Welt ohne Kunststoff für utopisch.

Die Zukunft: unschädliche Kunststoffe
Eine Welt ohne Kunststoff hält der Forscher für utopisch. Wir verwenden ihn an allen Ecken: in der Medizin, in der Elektrik, in der Photovoltaik oder um Lebensmittel haltbar zu machen. Der Bedarf wird in der Zukunft wahrscheinlich noch weiter zunehmen. Laforschs Ziel ist ein anderes: zu verstehen, welche Eigenschaften schaden, und dieses Wissen als Grundlage für die Entwicklung neuer Kunststoffe zu nutzen, die der Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt nicht mehr zusetzen.
Gesundheit auf allen Ebenen schützen
Was heißt das nun für uns? Es gibt aktuell keinen Grund zur Panik, jedoch gute Gründe für einen bewussteren und ressourcenschonenderen Lebensstil. Reduzieren lässt sich Mikroplastik vor allem dort, wo wir es selbst in der Hand haben: bei Einwegprodukten, bei Verpackungen, bei frischen statt stark verarbeiteten Lebensmitteln. Schon eine Stofftasche oder ein sauberer Umgang mit der Biotonne zählt. Kleine Schritte, die sich summieren. Denn am Ende führt alles auf einen Gedanken zurück: Gesundheit schließt uns alle ein – Mensch, Tier und Umwelt. Wer sie erhalten will, muss sie auf allen Ebenen schützen. „Es ist ein großes Netz“, sagt der Forscher, „alles miteinander verbunden.“ Trennen wir Verbindungen, gerät das Ganze ins Stocken. Sorgen wir gut für das Netz, sorgen wir auch für uns.



