Neuro-Experte: „Zuversicht kann man trainieren“

Krisen, Kriege Klimawandel – unsere Zeiten sind geprägt von Unsicherheit, viele fühlen sich ohnmächtig. Diesem Gefühl können wir etwas Mächtiges entgegensetzen: Zuversicht – und diese ist können wir gezielt trainieren. Wie, erklärt Neurowissenschaftler Prof. Dr. Busch.

Das Wichtigste ist, sich ein konkretes Ziel zu setzen, einen Plan zu schmieden und sich damit eine [...] realistische Vorstellung von der Zukunft zu schaffen.
Professor Dr. Volker Busch ist Neurologe, Psychiater und Psychotherapeut an der Universität Regensburg.

Prof. Busch, viele Menschen blicken sorgenvoll in die Zukunft. Weshalb ist jetzt nicht Hoffnung, sondern Zuversicht wichtig?
In Krisen verfallen viele Menschen in einen passiven Erwartungszustand. Sie hoffen, dass eine Lösung von außen kommt, zum Beispiel ein Politiker, eine charismatische Führungsfigur, im Zweifel der liebe Gott. Doch das ist nicht der Kern von Zuversicht, sondern eher das, was wir Hoffnung nennen. Hoffen ist in einer Krise nicht schlecht, aber es bedeutet auch, dass ich passiv bleibe und warte, dass es von selbst gut wird. Zuversicht ist etwas anderes – und gerade deshalb so wertvoll.

Was zeichnet Zuversicht denn aus?
Dass wir aktiv werden und ins Handeln kommen. Ich tue etwas, sehe einen Weg. Daher kommt ja auch das Wort: In „Zuversicht“ steckt „Sicht“. Ich vergleiche das gern mit Nebel. Die Zukunft hüllt uns ein – durch künstliche Intelligenz, durch Kriege, durch den demografischen Wandel. Hoffnung hieße, sich hinzusetzen und zu warten, dass sich der Nebel verzieht. Zuversicht bedeutet, dass ich einen Kompass nehme, meine Richtung erkenne und den ersten Schritt mache. Dann den nächsten. Und so einen Weg durch die Krise finde.

Um zuversichtlich zu sein, muss man also zunächst einmal an sich selbst glauben?
Nicht nur, ich kann auch darauf vertrauen, dass ein Team oder ein ganzes Land etwas in der Zukunft schafft. Aber in jedem Fall ist es immer etwas, was mich als aktiv handelnde Person miteinbezieht. Handeln schafft Zuversicht und löst unsere Ängste. Studien zeigen klar: Sobald Menschen handeln, wird ihre Angst kleiner. Menschen, die beispielsweise hoffen, dass wir keine Erderwärmung von drei Grad haben, haben meist mehr Angst als jene, die zuversichtlich sind, dass wir durch die entsprechenden gesellschaftlichen politischen Maßnahmen die Erwärmung auf zwei Grad begrenzen können. 

Sie sagen, Zuversicht lässt sich trainieren. Wie geht das genau?
Das Wichtigste ist, sich ein konkretes Ziel zu setzen, einen Plan zu schmieden und sich damit eine attraktive und gleichzeitig realistische Vorstellung von der Zukunft zu schaffen. Und wenn man die hat, dann geht man von hinten nach vorne. Was muss dafür in fünf Jahren geschafft sein, was in zwei, was in einem? Das Schlimmste in Krisen ist nicht der Nebel selbst, sondern das Gefühl, nicht zu wissen, wie man herauskommt. Ein Plan gibt uns Kraft.

Woher kommt denn diese Kraft?
Wenn wir uns ein attraktives, realistisches Zukunftsbild ausmalen, bringt das einen neurologischen Prozess in Gang. Wir erleben eine Antriebssteigerung. Salopp gesagt, bekommen wir Hummeln im Hintern. Das ist ein neurologischer Effekt und hat viel mit Dopamin und mit Strukturen im Mittelhirn zu tun. Und der Prozess verselbstständigt sich. Wenn wir den ersten Schritt durch den Nebel gehen und merken, dass wir uns dem Ziel nähern, treibt uns das weiter an. Durch sein Belohnungssystem ist der Mensch so gestrickt, dass es nicht das Denken ist, dass glücklich macht, sondern vor allem das Handeln. Und die kleinen Bewältigungserfolge. Das wirkt sich übrigens auch positiv auf unsere Gesundheit aus.

Erzählen Sie gern mehr …
Es gibt eine Studie mit Patientinnen und Patienten nach einer Bypass-Operation: Diejenigen, die sich unter psychologischer Begleitung realistische, persönlich bedeutsame Ziele für die Zukunft gesetzt hatten, erholten sich deutlich besser. Ich will an die Cote d’Azur in den Urlaub, die Hochzeit meiner Tochter mitplanen oder Gitarre lernen – solche Pläne. Die Auswirkungen auf den Genesungsprozess waren beachtlich: weniger Schmerzen, frühere Entlassung.

Spannend. Warum ist unser Denken denn oft so auf das Negative ausgerichtet?
Dass wir oft negativ denken, hat einen Grund. Für unser Überleben war es sinnvoll, Gefahren sehr sensibel wahrzunehmen und rechtzeitig vorzubeugen. Dieses alte Erbe tragen wir bis heute in uns. Das ist nicht nur schlecht. Auch warnende und mahnende Stimmen haben eine wichtige Funktion. Aber sie sollten uns eben nicht lähmen.

Beispiel Klimawandel: Wie können wir hier zuversichtlicher sein?
Es gibt auch eine andere Möglichkeit, zum Beispiel mehr über die Erfolge sprechen, die wir bereits erreicht haben. Wir haben CO₂ in den letzten Jahrzehnten schon stark reduziert, die erneuerbaren Energien deutlich ausgebaut. Nur auf die Defizite zu schauen, motiviert uns nicht, sondern stößt uns in den Nebel zurück und macht uns passiv. 

Ein Beispiel für gelebte Zuversicht ist das Ozonloch. Ende der 1970er-Jahre warnten Forschende, dass FCKW die Ozonschicht zerstören. Anfangs glaubte das kaum jemand, doch das Verständnis wuchs und in den 1980er-Jahren beschloss die Weltgemeinschaft das Montrealer Protokoll, eines der bedeutendsten Umweltabkommen der Geschichte. Ein großer Erfolg. Die Ozonschicht erholt sich, Schätzungen zufolge konnten dadurch Millionen Hautkrebsfälle vermieden werden. Das ist Zuversicht. Das Wissen, dass wir gemeinsam etwas bewirken können, wenn die Richtung stimmt.

Was bräuchten wir als Gesellschaft dafür?
Wir müssten in unserem Land ein positives Bild von der Zukunft entwickeln, das möglichst viele mitnimmt. Wie soll Deutschland in zehn Jahren aussehen, wo liegen unsere Stärken, unsere Kompetenzen weltweit – etwa in Forschung oder neuen Technologien? Dieses Bild muss man attraktiv entwerfen und dann von hinten nach vorne planen. Bei uns herrscht oft eine skeptische Sicht auf Visionen. Dabei erzeugt gerade ein positives Bild einen Sog nach vorn.

Haben Sie einen Leitgedanken für sich selbst?
In jeder Situation gibt es Dinge, die man tun kann. Ins Tun zu kommen, verbessert die Lage. Solange wir nur grübeln und hoffen, passiert nichts. Im Handeln liegt schon die Lösung. Mit Blick auf den Planeten heißt das: Wo kann ich Plastik reduzieren? Brauche ich ein zweites Auto? Reichen die österreichischen Berge statt der Fernreise? Solche kleinen Schritte kosten oft nicht einmal Lebensfreude. Und in der Psychologie wissen wir, dass sich kleine Schritte addieren. Schon Konfuzius sagte: Wer einen Berg versetzen will, fängt mit dem ersten Stein an. Für ihn ist Zuversicht eine wertvolle Ressource, die jeder trainieren kann.

Zuversicht stärken: So geht‘s

  • Zukunftsbild entwerfen

    Malen Sie sich ein konkretes, realistisches Zukunftsbild aus und planen Sie rückwärts. Was müsste dafür in fünf Jahren, in zwei Jahren, in einem Jahr erreicht sein? Dann gehen Sie den Plan an. Denn sobald wir handeln, wird die Angst kleiner. Schon kleine Schritte zählen. Sie summieren sich, geben Kraft und holen uns aus dem Gefühl der Ohnmacht.

  • Den Tag ehrlich bilanzieren

    Halten Sie abends fest, was gelungen ist, aber auch, was belastet hat. So drängen Sie Sorgen nicht weg, sondern gleichen die einseitig negative Sicht unseres Gehirns durch die bewusste Wahrnehmung positiver Ereignisse gezielt aus. Effekt: Die Hirnaktivierungsmuster ändern sich, wir stärken unser konstruktives Zukunftsdenken.

  • Den Blick von außen einnehmen

    Sorgen und Probleme dürfen sein. Und doch hilft es, ab und zu einen Schritt zurückzutreten und die eigene Lage von außen zu betrachten – wie die Fliege an der Wand. Dieser kleine Abstand bagatellisiert nichts. Er schafft Luft, lässt manches wieder ins Verhältnis rücken und macht es leichter, neue Perspektiven zu entdecken.

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