Expertenchat am 12. Februar 2018 zum Thema "Umgang mit Alkohol: Wann wird es gefährlich?"

Ein Glas Rotwein am Abend, ein oder zwei Feierabendbier und am Wochenende ist immer was los – Alkohol ist in unserer Kultur fest verankert und allgegenwärtig.

Viele Menschen befürchten insgeheim, zu viel zu trinken. Tatsächlich ist zwischen Genuss und Sucht oft ein schmaler Grat. Wie Sie dabei „auf sicherem Boden“ bleiben und weitere Fragen zum Thema „Alkohol“ werden im Expertenchat am 12. Februar ab 20:30 Uhr beantwortet.

Experte Malte Stöß

Der Experte

Malte Stöß hat an der Evangelischen Hochschule Berlin Soziale Arbeit studiert. Bereits seit 2011 engagiert er sich beim Notdienst Berlin e.V., zunächst als Mitarbeiter einer Notübernachtungsstätte für Wohnungslose und Drogenabhängige, später in einer pädagogisch geleiteten Gruppe für junge Cannabisabhängige Menschen. Seit 2014 ist Stöß Sozialarbeiter und Suchtberater in der Alkohol- und Medikamentenberatungsstelle Tempelhof-Schöneberg beim Notdienst Berlin e.V.

Interview

Ist man schon Alkoholiker, wenn man täglich ein Feierabendbier trinkt?

Alkoholabhängigkeit wird nicht über die Menge definiert, sondern über die physischen, psychischen, sozialen und beruflichen Folgen. Daher kann es sein, dass auch jemand Alkoholabhängig ist, der/die nur ein Bier am Abend trinkt. 

Als Diagnostik werden folgende 6 Kriterien aus dem ICD10 herangezogen:

  • starkes oder zwanghaftes Verlangen, Alkohol zu konsumieren
  • verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich der Menge, des Beginns oder Ende des Konsums (d.h. es wird regelmäßig mehr Alkohol oder über einen längeren Zeitraum konsumiert als geplant)
  • körperliche Entzugserscheinungen bei plötzlichem Absetzen der Substanz
  • Nachweis einer Toleranzentwicklung (zunehmend müssen deutlich mehr Mengen an Alkohol konsumiert werden)
  • Vernachlässigung des Alltags zugunsten des Alkoholkonsums (andere Interessen und Tätigkeiten werden vernachlässigt)
  • anhaltender Substanzkonsum trotz gesundheitlicher und sozialer Folgeschäden für die Konsument*innen (Bspw. Leberzirrhose, Arbeitsplatzverlust)

Drei oder mehr Kriterien  müssen mindestens einen Monat lang zutreffen um die Diagnose der Abhängigkeit stellen zu können. Diese Kriterien könnten auch auf jemanden zutreffen der/die nur ein Bier am Abend trinkt.

 

Was sind die ersten Warnzeichen dafür, dass man zu viel Alkohol konsumiert?

Erste Hinweise auf einen zu höhen Alkoholkonsum können sein:

  • Angehörige äußern ihre Sorgen und Bedenken wegen eines zu hohen Alkoholkonsums
  • Schuld- und Schamgefühle wegen des Alkoholkonsums
  • zunehmende Schwierigkeiten den (beruflichen) Erwartungen, welche das Umfeld oder die Arbeit an einen stellen, zu erfüllen
  • regelmäßig deutlich mehr trinken als man sich vorgenommen hat
  • eine Steigerung der zugenommen Alkoholmenge sowie mehr Tage an denen konsumiert wird

 

Wie wichtig ist der „soziale Faktor“? Ist es immer problematisch, wenn man alleine Alkohol konsumiert?

Alkoholkonsum alleine ist nicht per se problematisch. Trinken alleine kann jedoch ein Hinweis auf eine mögliche Problematik sein.

Wer selten alleine zum Genuss wenig Alkohol zu sich nimmt, hat relativ sicher kein Alkoholproblem. Wenn dies jedoch sehr regelmäßig passiert und größere Mengen zu sich genommen werden, könnte dies ein Hinweis auf eine Problematik sein.

 

Was können die Spätfolgen einer Alkoholsucht sein?

Zunächst gibt es dabei mögliche körperliche Folgen. Dazu zählen Veränderungen der Leber (Fettleber, Leberentzündung, Leberzirrhose), Schädigungen der Bauchspeicheldrüse, eine Erweiterung des Herzmuskels, Muskelatrophie und ein erhöhtes Krebsrisiko (besonders Mund-, Rachen-, Speiseröhrenkrebs und bei Frauen Brustkrebs). Ein abruptes Absetzen kann außerdem zu Entzugserscheinungen führen (Krampfanfälle, Delirium tremens, starkes Schwitzen, erhöhter Puls sowie Unruhe und Angstzustände).

Hinzu kommen mögliche psychische Folgen wie Stimmungsschwankungen, Angstzuständige oder Depression, sowie soziale Folgen. Diese können Veränderungen des gesamten sozialen Umfeldes betreffen, außerdem zunehmende soziale Konflikte, den Verlust des Arbeitsplatzes oder das Zerbrechen von Ehen oder Beziehungen.

 

Wohin kann ich mich wenden, wenn ich professionelle Unterstützung benötige?

Erster Ansprechpartner sollten in der Regel die bezirklichen/kommunalen Suchtberatungsstellen sein, welche es in Deutschland in jedem Bezirk/Landkreis gibt. Finanziert werden diese durch die Bezirke/Landkreise, daher stehen sie allen Menschen kostenlos und unbürokratisch zur Verfügung.

Zuhören ist unsere stärkste Leistung.