Expertenchat am 13. November 2017 zum Thema "Pflegende Angehörige: Pflegen und selbst leben"

Die Pflege eines Angehörigen bedeutet für viele, zeitlich sehr eingespannt zu sein, sich über die Maßen verantwortlich zu fühlen und oft auch mit schwierigen Gefühlen umgehen zu müssen. Nicht selten bleiben eigene Bedürfnisse und letztendlich das Wohlbefi nden dabei auf der Strecke. Was können Pflegende tun, um die Balance zwischen Pflege und Ihrem eigenen Leben zu halten? Im Expertenchat am 13. November 2017 um 20.30 Uhr können Sie alle Fragen rund um Ihre Pflegesituation an unsere Expertin stellen.

Expertin Tanja Heitmann

Die Expertin

Tanja Heitmann ist examinierte Krankenschwester und Diplom-Pflegewirtin. Zunächst als Krankenschwester und später als Stationsleiterin sammelte sie viele Erfahrungen mit pflegebedürftigen Menschen und deren Angehörigen. Heute arbeitet Frau Heitmann als Pflegedienstleiterin bei der Caritas-Sozialstation Marzahn.

Interview

Welchen Herausforderungen sehen sich pflegende Angehörige insbesondere  ausgesetzt?

Je nach Schwere der Erkrankung und des nötigen Hilfebedarfs stehen oft einschneidende Veränderungen im Tagesablauf an, die es neu zu organisieren gilt. Es müssen unter Umständen Hilfsmittel organisiert werden, Medikamente, Therapien und  Arztbesuche- all das muss geplant werden, nicht nur zeitlich, sondern auch die Wege dorthin, wenn der zu pflegende Angehörige das Haus nicht mehr verlassen möchte oder kann.

Oftmals stellen auch Finanzierungsmöglichkeiten, Anträge, Formulare und Paragraphen aus den Sozialgesetzbüchern, sowie Zuzahlungen schwierige Hindernisse dar. Das eigene „Privatleben“ der pflegenden Angehörigen verändert sich. Es wird schwieriger, eigene Freiräume zu schaffen und sich auszutauschen. Das soziale Umfeld, Freunde und Familie können in den Hintergrund geraten.

Der zu pflegende Angehörige verändert sich unter Umständen, auch die Beziehung zueinander kann davon betroffen sein. Es können ungeahnt schwierige Situationen zutage treten: Scham, Angst und der Verlust von Selbständigkeit spielen dann eine große Rolle im Miteinander.

 

Was sind Vor- und Nachteile bei der Pflege durch Angehörige?

Ein großer Vorteil ist, dass die Pflege im eigenen und bekannten Umfeld durchgeführt wird - es ist kein Umzug erforderlich und man verbleibt in den vertrauten vier Wänden. Außerdem wird die Pflege von langjährig bekannten Personen durchgeführt und das Vertrauen in die pflegenden Angehörigen als Bezugspersonen ist vorhanden. Der Tagesablauf kann selbst bestimmt werden, Zeiten sind flexibel, es kommen keine fremden Personen ins Haus und die Abläufe sind altbewährt und altbekannt.

Gleichzeitig kann es erforderlich sein, bauliche Maßnahmen durchführen zu lassen - beispielsweise um ein Bad an die Pflegesituation anzupassen oder die Wohnung von Schwellen oder Barrieren zu befreien. Unter Umständen muss auch das Mobiliar angepasst werden.

Es können große Unsicherheiten auftreten, wenn es zu Veränderungen im Gesundheitszustand kommt. Nicht immer werden die richtigen Maßnahmen ergriffen, manchmal fehlt dabei eine beratende Person. Ein neu entstandenes Pflegeverhältnis ändert die Beziehung zueinander: Ehemänner pflegen Ehefrauen-oder umgekehrt, Kinder pflegen Eltern- dabei entstehen nicht selten Konflikte. Häufig geraten pflegende Angehörige daher an ihre eigenen körperlichen und seelischen Grenzen. Diese selbst zu erkennen und sich einzugestehen fällt vielen Menschen schwer.

 

Woran merkt man, dass man sich als Pflegende/r zu stark belastet?

Eine Überbelastung kann sich durch Kraftlosigkeit, Erschöpfung oder Gereiztheit zeigen. Es kann zu Frust und Ärger kommen, der sich gegen die Situation oder den zu pflegenden Angehörigen richtet. Die Motivation lässt nach, es kann zu körperlichen Beschwerden kommen oder gar zu depressiven Verstimmungen.

 

Wann ist es sinnvoller, die Pflege in einer Facheinrichtung in Betracht zu ziehen?

Die Pflege in einer Facheinrichtung sollte dann in Betracht gezogen werden, wenn die pflegerische Situation in der Häuslichkeit zu massiven Konflikten führt oder wenn eine Pflege zu Hause den eigentlich nötigen Maßnahmen nicht mehr entspricht. Bei zu pflegenden Personen, die sehr umtriebig sind, ein großes Laufpensum absolvieren oder unkontrolliert die Wohnung verlassen und dabei sich oder andere in gefährliche Situationen bringen, sollte man sich beraten lassen, welche Möglichkeiten der Unterstützung es geben kann und ob ein Umzug in eine Facheinrichtung sinnvoll ist. Oftmals ist auch eine Erkrankung der pflegenden Person ein Grund, die Pflege nicht mehr selbst fortführen zu können.

 

Wohin kann man sich wenden, wenn man Hilfe benötigt?

Um beratende und unterstützende Hilfsangebote zu bekommen, kann man sich an verschiedene Institutionen wenden:

  • Pflegestützpunkte, Beratungsstellen 
  • Kranken,- Pflegekassen
  • Pflegedienste
  • Selbsthilfegruppen, Besuchsdienste
  • Tagespflegen, Kurzzeitpflegen
  • Internetforen

 

Grundsätzlich steht eine Vielzahl von Angeboten zur Unterstützung zur Verfügung:

  • Hilfestellung bei Anträgen und Formularen, Klärung der Finanzierung, Hilfsmittelbedarf oder Umbaumaßnahmen
  • Pflegekurse, Beratungsbesuche, Betreuungs- und Entlastungsleistungen
  • Besuchsdienste
  • Tagespflegen
  • Kurzzeit-, Verhinderungspflegen
  • Geriatrische Reha
  • Ambulante Pflegedienste für pflegerische und/oder medizinische Tätigkeiten
  • Selbsthilfegruppen
  • Kontaktstelle Pflegeengagement (Berlin)
  • Pflege in Not (Berlin)