Frühling ist das beste Rezept?

Die Tage werden länger, die Sonne wärmer, das Leben ist schön!

Frühlingsgefühle: wissenschaftlicher Fakt oder romantische Fiktion? Experten können diese Frage zurzeit nicht beantworten. In der Hormonforschung kommen beide Ansichten vor. Die Psychologie stellt sich diese Frage gar nicht – sie rät: Wer Frühlings­gefühle spürt, sollte sie praktisch nutzen.

Ein laues Lüftchen weht uns um die Nase, die Sonne leuchtet ins Gesicht, der Himmel strahlt uns an, es riecht warm und nach frischer Erde. Wir fühlen, wie ein Kribbeln im Bauch aufsteigt, wir atmen tief ein, ein Lächeln entspannt unser Gesicht. Der Frühling ist da, endlich! Mit seinem Eintreffen steigen nicht nur die Temperaturen, sondern auch die Laune, wir sind glücklicher, offener – unsere Hormone ­spielen irgendwie verrückt. Meinen wir zumindest. Das, was wir als Frühlingsgefühle bezeichnen, ist in der medizinischen Forschung höchst umstritten.

„Frühlingsgefühle? Alles Einbildung“,
sagt Prof. Dr. Martin Reincke. Dem Direktor der Uniklinik Innenstadt München ­zufolge sind die Frühlingsgefühle schon längst der Zivili­sation zum Opfer gefallen. Als moderne Menschen spüren wir den Unterschied zwischen Winter und Frühjahr nicht mehr in dem Maße, dass daraus eine hormonell gesteuerte Lenz-Lust entstehen könnte. Hauptsächlich läge dies daran, dass wir im Winter nicht auf Licht und Wärme verzichten müssten und sich unser Körper nicht mehr auf die verschiedenen Jahreszeiten einzustellen braucht. „Heutzutage gibt es Frühlingsgefühle nur noch im ewigen Eis“, sagt Reincke, „bei den Eskimos“. Bei uns entstünden sie wenn, dann nur im Kopf.

Gegen diese Annahme hält Prof. Dr. Helmut Schatz von der ­Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE). „Natürlich hat der Winter in den zivilisierten Teilen der Welt nicht mehr so viel Einfluss auf ­unseren Organismus“, sagt er. Frühlingsgefühle hätten die Menschen aber trotzdem. Schatz zufolge ist und bleibt einer der wichtigsten Faktoren die Leuchtkraft der Sonne.

Eine junge Frau im Sonnenlicht

„Denken Sie an einen Schlitz im Vorhang, durch den ein Sonnenstrahl in Ihr Schlafzimmer strömt“, erklärt der Experte. „Seine Kraft ist viel gewaltiger als die des künstlichen Lichts.“ Dafür sprechen auch „die Lux“, die Einheiten für ­Beleuchtungsstärke. An einem Frühlingstag draußen ist der Mensch bis zu 10.000 Lux ausgesetzt, in einem gut ausgeleuchteten Raum sind es lediglich 500 Lux, die auf ihn einwirken. Diese Leuchtkraft sorgt ­dafür, dass die Produktion des Schlafhormons Melatonin zurückgeht. Die Zirbeldrüse im Gehirn bildet dieses Hormon ­verstärkt, wenn es ­dunkel ist, damit wir müde werden. Im Frühling werden die Tage länger und wir auf diese Weise fitter. Gleichzeitig beeinflusst das Licht auch indirekt die Ausschüttung des Glückshormons ­Sero­tonin – ein visueller „Schokokick“, der nicht dick macht.

Nun, ob Hormone in unserem Körper das Frühlingsflattern auslösen oder nicht, eines steht fest:
Jeder, der die Gefühle spürt, sollte sie genießen – und am besten nutzen.

Psychotherapeutin Walburga Maria Schacht aus München sieht den Frühling als eine Chance zum Neubeginn: „Äußerlich betrachtet, ­legen die Menschen einige Kleiderschichten ab, damit gehen aber oft auch innere Prozesse einher: das wachsende Bedürfnis, etwas abzustreifen, abzuschließen, etwas Neues zu beginnen.“ Es kommt frischer Wind ins Haus – und in unsere Köpfe. Die Energie, die daraus entsteht, die Lebensfreude und die Kraft, kann man auch praktisch einsetzen. Haben Sie sich nicht schon öfter vorgenommen, eine neue Sportart auszuprobieren? Oder endlich das alte ­Gartenhäuschen zu renovieren? Packen Sie die Dinge an, die Sie so lange aufgeschoben haben. Das Erwachen der Natur hilft auch uns, wach zu werden. Auch wenn die Ursachen für die Frühlingsgefühle noch unklar sind, ihre Auswirkungen sollten wir nutzen – und so den Frühling in ein noch schöneres Licht rücken.

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